Schulsurvival

Im Moment bin ich stark gefordert, um das Leben und Überleben meiner Kinder zu gewährleisten, daher komme ich kaum zum schreiben. Das eine im Bauch und das andere das als kleiner Autist in einer 0815 Grundschule schwerste Probleme hat. Noch nichtmal 7 Jahre alt und schon auf dem Weg schwer depressiv zu werden, einfach nur weil niemand ihre Not sieht und weil das System nicht zu ihrem paßt, trotz mühegebens auf höchstem Niveau. Das macht mir wirklich sehr große Angst. Noch ist mein Kind ein fröhliches, offenes mit sonnigem Gemüt aber ich sehe wie es grade massiv kippt. Sie weint jeden Tag ganz bitterlich, sie hat Alpträume, findet sich in allem viel zu schlecht, zweifelt sehr an sich, findet sich doof und schlecht, traut sich plötzlich nichts mehr zu, hat nie dagewesene Ängste vor allem und jedem und ist vor allem einfach nur traurig.

Jeder Tag, jede Stunde, jede Interaktion geht quasi gegen ihre Art und fordert ein enorm großes Maß an Kompensation. Es erfordert von uns als Eltern dann ein ebenso hohes Maß an nachschulischem Energiereinbuttern mit supervielen festen unabänderbaren Routinen, Ruhe, ganz viel Liebhaben, Selbstvertrauen wieder aufbauen, permanenten Notlandungen und Erdungen, Anfällen aushalten, stundenlanger schwieriger Einschlafbegleitung an kreischendem Kind und nochmal Routinen, Routinen, Routinen. Alles nur damit am folgenden Tag wieder ein paar Stunden Schulalltag überlebt werden können. Da kann man eben nicht mal schnell die Oma besuchen fahren, Kinder zum spielen einladen, ins Kino gehen. Da reicht es schon zum totalen Durchdrehen wenn die Trinkflasche falsch befüllt ist oder es etwas anderes als Gemüseschnitze zum Abendbrot gibt. Alle Kraft wurde eben vorher in der Schule verpulvert. Auch wir Eltern können das manchmal kaum bewältigen, denn auch wir sind Autisten die sich selber nach einem Tag in der Normalwelt erden müssen und wenig Kraft für aufwändige Extras haben. Dennoch zapfen wir unsere eigenen Notreserven immer wieder an für unser Kind. Das ist es uns auch wert. Schließlich sehen wir auch jeden Tag was wir damit tolles erreichen können.

Was ist denn nun eigentlich so schwer an diesem Schulalltag?

Also, in ihre Klasse gehen knapp 30 Kinder von denen sie kaum eines vorher kannte, während alle anderen gemeinsam in eine Kita gingen. Die Örtlichkeiten sind ihr ebenso fremd weil sie in eine andere Schule eingewöhnt wurde. Sie hat an unterschiedlichen Orten Unterricht und muß diese mit überfülltem Schulbus jeweils eigenständig anfahren. Ständig gibt es Veränderungen. Sitzordnungen werden immer mal wieder getauscht, Stunden getauscht, Stunden ungeplant hinten angehängt, Termine verschoben oder abgesagt, Pausen werden individuell von den Lehrern gelegt. Anweisungen der Lehrer sind oft sehr uneindeutig und oft weichen Regeln individuell ab. zB. wann wo gegessen werden darf in den Pausen ist bis heute nicht ganz klar. Der Klassenlehrer sagt in der großen Pause müssen alle sofort raus und den Raum verlassen und dann verläßt er das Geschehen. Die Pausenaufsicht draußen sagt, draußen gegessen werden darf nicht nur im Klassenraum in der großen Pause. Ja, wann denn nun? So kommt es daß mein Kind wochenlang nicht ißt und trinkt und keiner merkt es. Fehler die gar keine sind werden arg und vor allen anderen öffentlich angekreidet. zB. Bild von einem Kamin mit der Frage wieviele O in dem Wort stecken, Antwort der Tochter: keines, weil sie einen Kamin sieht und keinen Ofen. Auch nach nachträglicher Erklärung ihrerseits daß sie das Kamin nennt bleibt es ein Fehler. Ebenso Bilder in denen das Wort Hund gesucht ist und sie aber die jeweilige Rasse erkennt, weil das ihr Spezialinteresse ist. Von der Art Doppeldeutigkeiten gibt es massig in der ersten Arbeit-schwupps, erste Klassenarbeit total fehlerhaft und versaut, Kind findet sich furchtbar schlecht obwohl sie die Anforderungen perfekt beherrscht. Dann ist es natürlich noch furchtbar laut und wuselig in der Klasse. Sie wird zum Teil schwer gemobbt und geärgert, wenn sie dem Lehrer dann davon berichtet ist sie ne Petze. Sie hat kaum Freunde und muss immer alleine spielen was sie enorm traurig macht. Fremde Kinder ansprechen geht nicht und wenn sie es mal versucht gibt es Ablehnungen. Daher wünscht sie sich nichts sehnlicher als einen Minicomputer, damit sie in der Pause überhaupt eine eigene Beschäftigung hat. Sie langweilt sich wohl oft sehr weil das Unterrichtsniveau extrem niedrig ist weil die Hälfte der Klasse kein deutsch sprechen kann. Nebenbei malen oder kritzeln wenn man fertig ist ist verboten. Sie wird als Beidhänder gezwungen nur mit links zu schreiben, was dazu führt daß sie zu Hause alles heimlich auf rechts trainiert und sie dann mit keiner Hand wirklich gut ist. Generell alles läuft ganz fürchterlich auf  Wettbewerbsniveau und mit viel Druck, zB. Ampelsystem nach dem Schüler an der Tafel nach gut, mittel schlecht eingeteilt werden und nur wenn alle gut und grün sind kriegt die ganze Klasse ne Belohnung. Die paar schlechten Schüler sind dann natürlich immer offen an der Tafel angeprangert und vor allen schuld wenn das nix wird. Ständig gibt es Turniere und Leistungsvergleiche wo man hinterher als gut oder schlecht eingestuft wird. Was soll das? Das als gedankliche Anker im Ranzen heimlich befindene winzig kleine Kuscheltier darf so ganz offiziell nicht mehr mit und eigentlich ist alles außerhalb der spannenden neuen Lerninhalte auf die sie sehr scharf ist nur ganz fürchterlich.

Das Kind ist erst ein paar Wochen in der Schule und innerlich rechne ich schon die Mindestanzahl an Jahren für mich aus die sie irgendwie aushalten muss. Wir haben hier keine Alternativen und es gibt nunmal ne Schulpflicht. Austausch mit den Lehrern ist leider auch nicht sonderlich fruchtbar. Also weiter durchhalten und sich immer wieder einreden daß auch ich das geschafft habe mit einem viel schlechteren Rückhalt aus dem Elternhaus und unser Kind generell schon vieles besser kann als wir es jemals konnten. Die ist 1000x stärker und genialer als wir. Sich also immer wieder einreden daß sie nicht so enden muß wie wir und daß alles nur unsere eigenen Zukunftsängste aus unseren schlechten Erfahrungen sind.

Wenn da nur nicht diese riesengroße Angst wäre, die Kleine sehenden Auges und total hilflos an ein großes tiefschwarzes Biest zu verlieren…die läßt sich nicht wegschieben

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2 Kommentare zu „Schulsurvival

  1. Wollte hier gerade spontan mitheulen. Nennt sich das Pädagogik oder was? Mal ehrlich, ich hab die Schule auch ausgehalten, aber im Vergleich dazu war das Pipifax, weil nicht hier Glanzpädagogikkonzept und hintenrum nur Chaos!
    Alter, was soll man da machen? Vielleicht läßt du sie still durchfallen, um Zeit zu gewinnen? Wenn du nicht gerade schwanger wärst, könntest du dich auf die Beine stellen wegen Schulbegleiter?

    Gefällt 2 Personen

  2. ich schaffe es nicht, deinen text zu lesen. die ersten sätze triggern mich derart, dass ich gerade so losheulen möchte. am liebsten würde ich uns alle nehmen, unsere kinder schnappen und weg, bloß weg, insel, planet, egal, bloß weg.
    Bitte pass auf DICH auf!

    Gefällt 2 Personen

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